HRV-Werte verstehen: Warum dein Wearable und dein HeartMath-Gerät verschiedene Zahlen zeigen – und beide recht haben

Der Knackpunkt: Was siehst du wirklich in der HeartMath App?
Wenn du in der HeartMath App (oder Inner Balance App) die Grafik öffnest, steht dort „HRV“. Und genau hier beginnt die Verwirrung: Diese Grafik zeigt tatsächlich die HRV, aber nicht als Kennzahl in Millisekunden, sondern als Phänomen.

Schauen wir genau hin:
- X-Achse: Die Zeit
- Y-Achse: Deine Herzfrequenz in BPM (beats per minute = Schläge pro Minute), z.B. Skala von 55 bis 70 BPM
- Die Kurve: Zeigt, wie deine Herzfrequenz im Zeitverlauf schwankt, zum Beispiel zwischen 57 und 64 BPM
Und genau diese Schwankung IST die Herzratenvariabilität (HRV)! Du siehst grafisch, dass dein Herz eben kein Metronom ist, sondern die Frequenz ständig leicht variiert. Mal schlägt es mit 64 BPM, mal mit 60 BPM, mal mit 57 BPM, und das alles innerhalb von wenigen Sekunden.
Diese Schwankungsbreite zwischen 57 und 64 BPM bedeutet: Dein Herz ist lebendig, adaptiv und reagiert auf deine Atmung, deinen Gemütszustand und andere Einflüsse. Das ist HRV als Phänomen, sichtbar gemacht.
Der entscheidende Unterschied zu deiner Smartwatch oder deinem Smartring
Deine Smartwatch oder dein Smartring nehmen diese schwankende Herzfrequenz und berechnen daraus eine einzelne Zahl: eine HRV-Kennzahl wie RMSSD oder SDNN, gemessen in Millisekunden (z.B. 22 ms).
Beispiel:
- HeartMath App zeigt: Eine Kurve, die zwischen 57 und 64 BPM schwankt (= HRV-Phänomen grafisch)
- Smartwatch/Smartring zeigt: 22 ms (= HRV-Kennzahl RMSSD, berechnet aus den Zeitabständen zwischen einzelnen Herzschlägen)
Die Grafik in der HeartMath App zeigt dir wie dein Herz variiert (das Muster, die Schwankungsbreite). Die Smartwatch oder der Smartring reduziert diese komplexe Information auf eine einzige Zahl, die die durchschnittliche Variation zwischen Herzschlägen ausdrückt.
Was passiert in der HeartMath App?
Die HeartMath App macht im Grunde Folgendes:
- Sie misst und zeigt deine Herzfrequenz als Kurve über die Zeit (z.B. schwankend zwischen 57-64 BPM)
- Sie analysiert das Muster dieser Herzfrequenz-Schwankungen
- Sie berechnet daraus den Kohärenzwert, eine Kennzahl, die ausdrückt, wie geordnet und harmonisch diese Schwankungen ablaufen
Die Grafik bildet also das Phänomen der HRV ab (die Variabilität deiner Herzfrequenz), aber die Zahlen auf der Y-Achse sind Herzschläge pro Minute, keine HRV-Millisekunden!
Was ist HRV überhaupt?
Herzratenvariabilität (HRV) beschreibt die natürliche Variation der Zeitabstände zwischen aufeinanderfolgenden Herzschlägen. Ein gesundes Herz ist kein Metronom, denn die Abstände zwischen den Schlägen variieren ständig um Millisekunden. Diese Variabilität ist ein Zeichen von Gesundheit und Anpassungsfähigkeit.
Aus dieser grundlegenden Messung lassen sich eine Vielzahl verschiedener Kennzahlen berechnen, die unterschiedliche Aspekte deiner Herzgesundheit beleuchten. Das Problem: Die meisten Hersteller zeigen einfach „HRV“ an, ohne zu sagen, welche der vielen möglichen Kennzahlen gemeint ist.
Die drei wichtigsten Ansätze und was sie messen
1. RMSSD: der Favorit der meisten Wearables
Die meisten Smartrings und Smartwatches nutzen RMSSD (Root Mean Square of Successive Differences, also der quadratische Mittelwert aufeinanderfolgender Herzschlag-Unterschiede). Diese Kennzahl erfasst die durchschnittliche Veränderung zwischen jeweils zwei aufeinanderfolgenden Herzschlägen.
Was sie aussagt: RMSSD zeigt besonders gut, wie aktiv dein „Ruhe-und-Erholungs“-System ist (das sogenannte parasympathische Nervensystem).
Warum nachts gemessen und was das bedeutet: Im Schlaf ist dein Körper in einem besonders stabilen Zustand, ohne störende Einflüsse wie Kaffee, Bewegung, Stress oder wechselnde Körperpositionen. Diese konstanten Messbedingungen ermöglichen eine verlässliche Erfassung. Entscheidend ist aber: Die nächtliche RMSSD-Messung spiegelt nicht einfach nur parasympathische Aktivität, sondern konkret deine Regenerationsfähigkeit im Schlaf. Höhere Werte im Vergleich zu deiner persönlichen Baseline bedeuten, dass sich dein Körper in dieser Nacht gut erholt hat und bereit ist für neue Belastungen. Niedrigere Werte im Vergleich zu deiner Baseline zeigen an, dass dein Körper noch im Erholungsmodus ist, also ein Signal, es ruhiger angehen zu lassen.
2. SDNN: die Gesamtschau (Apple Watch)
Die Apple Watch verwendet SDNN (Standardabweichung der Herzschlag-Abstände) als Standard-HRV-Metrik. Diese misst die Standardabweichung aller Herzschlag-Intervalle über einen Zeitraum.
Was sie aussagt: SDNN gibt einen Überblick über die gesamte Variabilität, sowohl beruhigende (parasympathische) als auch aktivierende (sympathische) Einflüsse zusammen. Im Gegensatz zu RMSSD ist SDNN weniger spezifisch für die Regenerationsbeurteilung, sondern erfasst eher die allgemeine Anpassungsfähigkeit deines Organismus.
Wie gemessen und was das bedeutet: Die Apple Watch misst SDNN automatisch mehrmals über Tag und Nacht verteilt, wenn du still und entspannt bist. Diese Einzelmessungen erfolgen nicht kontinuierlich wie die nächtlichen RMSSD-Messungen von Smartringen. SDNN wurde ursprünglich für 24-Stunden-Betrachtungen entwickelt und zeigt die allgemeine Variabilität deines Herz-Kreislauf-Systems. Für aussagekräftige Trends solltest du die Durchschnittswerte über mehrere Tage betrachten, nicht einzelne Messpunkte im Vergleich zu deiner Baseline.
3. Kohärenz: die HeartMath-Spezialität
Und hier wird es spannend: HeartMath-Geräte messen nicht primär die Menge der Variabilität, sondern deren Qualität, die Kohärenz.
Was ist Kohärenz? Kohärenz beschreibt, wie geordnet und harmonisch deine Herzrhythmus-Schwankungen ablaufen. Es geht nicht darum, wie stark deine Herzfrequenz schwankt, sondern wie gleichmäßig und wellenförmig dieses Schwankungsmuster ist.
Der Unterschied zu RMSSD/SDNN:
- RMSSD und SDNN messen quantitativ: „Wie viel Variabilität gibt es?“ (in Millisekunden)
- Kohärenz bewertet qualitativ: „Wie geordnet ist das Schwingungsmuster?“ (in Prozent oder Score)
Was das bedeutet: Stell dir zwei Orchester vor, die gleich laut spielen (= gleiche HRV-Amplitude). Das eine spielt chaotisch durcheinander, das andere synchron und melodisch. Kohärenz misst diese Ordnung, nicht die Lautstärke.
Bei hoher Kohärenz schwingt deine Herzrate in einem sanften, wellenförmigen Muster. Das ist ein Zeichen dafür, dass deine beiden Nervensystem-Gegenspieler (der aktivierende Sympathikus und der beruhigende Parasympathikus) ausbalanciert zusammenarbeiten. Dieser Zustand korreliert mit verbesserter kognitiver Leistung, emotionaler Stabilität und Stressresilienz.
Der entscheidende praktische Vorteil: Kohärenz wird in Echtzeit kontinuierlich berechnet, während du trainierst. Du siehst sofort auf dem Bildschirm, ob du gerade in einem kohärenten Zustand bist oder nicht. Das macht echtes Biofeedback-Training möglich: Du lernst aktiv, diesen Zustand herzustellen und zu halten. RMSSD und SDNN hingegen werden erst nachträglich berechnet. Sie zeigen dir am nächsten Morgen, wie die vergangene Nacht war, aber du kannst damit nicht in Echtzeit trainieren.
Warum die Werte nicht vergleichbar sind
Jetzt wird klar, warum Verwirrung entsteht:
- Smartwatch/Smartring (z.B. 22 ms): Zeigt eine HRV-Kennzahl wie RMSSD, gemessen in Millisekunden, meist nachts im Schlaf
- HeartMath App (schwankt 57-64): Zeigt deine Herzfrequenz in BPM als Kurve. Aus dem Muster dieser Kurve berechnet die App dann einen Kohärenz-Score, der den Grad der inneren Harmonie ausdrückt
Diese beiden Dinge zu vergleichen ist wie der Versuch, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Sie messen buchstäblich verschiedene Aspekte deiner Herzaktivität.
Was bedeutet das für dich?
Die gute Nachricht: Alle Ansätze sind wertvoll und ergänzen sich:
- RMSSD/SDNN (Smartwatch/Smartring) zeigen deine nächtliche Erholung und langfristige Trends, also passives Monitoring
- Kohärenz (HeartMath) trainiert aktiv deine Fähigkeit zur Selbstregulation, das heißt aktives Training
Statt dich zu fragen „Welches Gerät hat recht?“, frag lieber: „Was will ich erreichen?“
- Für langfristiges Monitoring deiner Regeneration: Vertraue auf die nächtlichen HRV-Werte deines Smartringes oder deiner Smartwatch
- Für aktives Training deiner Stress-Resilienz: Nutze die Kohärenz-Messungen von HeartMath während gezielter Übungen
Der Schlüssel: Deine persönliche Baseline kennen
Egal welches Gerät du nutzt: Der wichtigste Vergleich ist immer mit dir selbst. Deine persönliche Baseline ist entscheidender als jede Normtabelle. Beobachte Trends über Wochen und Monate, nicht einzelne Tageswerte.
Und: Verlasse dich nicht blind auf die Zahl in der App. Nutze HRV als einen von mehreren Indikatoren, neben deinem subjektiven Befinden, Schlafqualität und Leistungsfähigkeit.
Kurz gesagt
Wenn deine Smartwatch 22 zeigt und deine HeartMath App zwischen 57 und 64 schwankt, vergleichst du Äpfel mit Birnen. Die Smartwatch zeigt eine HRV-Kennzahl in Millisekunden. Die HeartMath App zeigt deine Herzfrequenz in BPM und berechnet daraus einen Kohärenz-Score. Beides ist wertvoll, aber für unterschiedliche Zwecke. Nutze passives Monitoring für Regenerations-Trends und aktives Kohärenz-Training für Resilienz-Aufbau.
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